Kennst du das Gefühl, wenn du die Tür öffnest, ein Gebäude betrittst und einen Moment brauchst, um zu begreifen, was zum Teufel da eigentlich los ist? Genau so ging es mir im Naturhistorischen Museum in Wien.
Ich überließ Daria den Kauf der Eintrittskarten, da ich gedanklich schon ganz woanders war. Diese Treppe – diese Explosion aus Marmor, Skulpturen, Bögen und Gold – kümmerte sich nicht um deine Erwartungen. Sie verschlang dich einfach komplett. Komm schon, das ist mit Abstand einer der schönsten Museumseingänge, die ich je gesehen habe. Und alles lenkt deinen Blick nach oben, direkt auf ein riesiges Deckengemälde im Renaissancestil, das sich selbst dann lebendig anfühlt, wenn du stillstehst.
Trotz der Pracht war es nicht laut. Ganz im Gegenteil. Es herrschte diese sanfte Museumsstille – das Echo von Schritten, eine Gruppe, die auf Deutsch flüsterte, ein gelegentliches Kameraklicken. Die Art von Stille, bei der man das Gefühl hat, dass jeder versucht, den Zauber nicht zu zerstören.
Was das Foto angeht? Du weißt ja schon: Geduld. Geduld ist das A und O bei der Innenraumfotografie.
Gerade als ich meine Kamera hochhielt, kam eine Frau um die Treppenkurve. Sie sah, was ich tat, hielt inne, lächelte und schenkte mir einen Moment. Eine kleine Geste der Freundlichkeit, mit großer Wirkung. Und in dieser kurzen Pause gehörte die ganze Treppe mir allein.
Die Treppe im Kunsthistorischen Museum Wien: Architektur, die beeindruckt
[Bildunterschrift id=”attachment_134075″ align=”alignleft” width=”400″]Eigentlich hat das Gebäude auf der anderen Seite des Platzes – das Kunsthistorische Museum in Wien – die „Zwillings“-Treppe. Aber die Formensprache der beiden ist fast identisch: imperiale Architektur, die lautstark von der früheren Macht Österreich-Ungarns erzählen soll.
Und genau das macht diese Treppe aus.
Marmor über Marmor. Säulen, die wie Skulpturen wirken. Skulpturen, die wie Säulen wirken. Blattgold, das sich um jede Kante windet. Ein Deckengemälde von Mihály Munkácsy, das sich anfühlt, als befände sich ein ganzes Universum über deinem Kopf.
Wenn du zu den Menschen gehörst, die die Fotografie wegen des Gefühls lieben, das sie vermittelt – dann wird dieser Raum auf die bestmögliche Art und Weise überwältigend. Du gehst diese Treppe nicht hinauf. Du schwebst.
Fotografieren in belebten Museen
Die Wahrheit ist: Beim Fotografieren berühmter Treppen geht es selten darum, den perfekten Bildausschnitt zu finden. Es geht darum, den perfekten Moment zu erwischen.
Die Menschenmassen lassen die Situation bedrückend wirken. Du hast Angst, im Weg zu stehen. Du fragst dich, ob die Leute dich verurteilen werden. Du hoffst, dass niemand gegen dein Objektiv stößt.
1. Die Leute verstehen mehr, als du denkst
Die meisten Besucher wünschen sich auch ihren eigenen ruhigen Moment. Wenn sie sehen, dass du versuchst, ein Foto zu machen, halten viele kurz inne. Nicht, weil ihnen dein Foto wichtig ist – sondern weil sie das gemeinsame Erlebnis respektieren.
2. Steh selbstbewusst da
Wenn du unsicher wirkst, laufen die Leute einfach durch deinen Rahmen hindurch.
Wenn du entschlossen wirkst, gehen sie um dich herum.
3. Warte 30 Sekunden länger, als du denkst
In Innenräumen herrscht ein ständiger Wechsel – erst strömen Menschen herein, dann kehrt Stille ein.
Die Stille dauert immer länger, als man erwartet.
4. Eine hohe ISO-Empfindlichkeit ist kein Feind
Für diese Aufnahme habe ich verwendet:
Nikon D800 • f/4 • 1/320 Sek. • ISO 3200 Lieber
den ISO-Wert erhöhen, als den Moment verpassen.
Eine lustige Anekdote über das Nationalmuseum für Geschichte
Auch wenn man sie manchmal verwechselt, wurden das Kunsthistorische Museum und das Naturhistorische Museum im 19. Jahrhundert als architektonische Zwillinge erbaut. Kaiser Franz Joseph gab beide im Rahmen des großangelegten Ringstraßenprojekts in Auftrag, das Wien neu prägte.
Wenn du vorhast, Wien noch weiter zu erkunden, solltest du dir unbedingt meine anderen Blogbeiträge ansehen, zum Beispiel über die „Prater-Hütten“-Ausstellung oder die Wiener Staatsoper – und als Krönung zum Schluss meinen Wien-Reiseführer.